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Ein Accessibility Audit deckt systematisch Barrieren auf Ihrer Website auf und liefert einen konkreten Maßnahmenplan. Ob gesetzliche Anforderungen durch das BFSG ab 2025 oder bessere Nutzererfahrung - barrierefreie Websites sind kein optionales Extra mehr. In diesem Leitfaden zeigen wir Ihnen als Experten im technischen SEO, wie Sie einen umfassenden Accessibility Audit durchführen: von automatisierten Tools über manuelle Tests bis zur strukturierten Auswertung.
Was ist ein Accessibility Audit?
Ein Accessibility Audit ist eine systematische Überprüfung Ihrer Website auf Barrierefreiheit nach den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). Ziel ist es, Barrieren zu identifizieren, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zu Inhalten oder Funktionen erschweren oder unmöglich machen.
Warum ist ein Audit notwendig?
Ein Accessibility Audit geht weit über eine reine Checklisten-Prüfung hinaus. Er kombiniert automatisierte Scans mit manuellen Tests und realen Nutzungsszenarien. Nur so erhalten Sie ein vollständiges Bild der Barrierefreiheit Ihrer Website.
Die wichtigsten Gründe für einen Audit:
- Gesetzliche Pflicht: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) verpflichtet ab Juni 2025 viele Unternehmen zur digitalen Barrierefreiheit
- Größere Zielgruppe: Rund 13 % der deutschen Bevölkerung lebt mit einer Behinderung
- Bessere Nutzererfahrung: Barrierefreie Websites sind für alle Nutzer einfacher bedienbar
- SEO-Vorteile: Semantisches HTML, Alt-Texte und klare Struktur verbessern auch Ihr Ranking
der Nutzer mit Behinderung verlassen unzugängliche Websites sofort wieder
Quelle: Click-Away Pound
der Barrierefreiheitsprobleme lassen sich durch automatisierte Tests erkennen
Quelle: Deque Systems
Automatisierte Tests
Automatisierte Tools bilden die Grundlage jedes Accessibility Audits. Sie scannen Ihre Website schnell auf bekannte Verstöße gegen WCAG-Richtlinien und liefern einen ersten Überblick über den Status quo.
Lighthouse Accessibility Score
Google Lighthouse ist in den Chrome DevTools integriert und prüft rund 40 Accessibility-Regeln. Öffnen Sie die DevTools (F12), wechseln Sie zum Tab “Lighthouse” und starten Sie einen Audit mit aktivierter Kategorie “Accessibility”. Der Score von 0 bis 100 gibt eine erste Einschätzung.
Stärken: Kostenlos, schnell, direkt im Browser verfügbar. Grenzen: Erkennt nur grundlegende Fehler wie fehlende Alt-Texte oder mangelnden Kontrast.
axe DevTools
axe von Deque Systems ist der De-facto-Standard für automatisiertes Accessibility-Testing. Es prüft über 80 Regeln und liefert detaillierte Fehlerbeschreibungen mit konkreten Lösungsvorschlägen.
# axe CLI global installieren
npm install -g @axe-core/cli
# Einzelne Seite testen
axe https://ihre-website.de
# Mehrere Seiten testen
axe https://ihre-website.de https://ihre-website.de/kontakt/ https://ihre-website.de/leistungen/
# Ergebnisse als JSON speichern
axe https://ihre-website.de --save results.json
WAVE (Web Accessibility Evaluation Tool)
WAVE von WebAIM visualisiert Barrierefreiheitsprobleme direkt auf der Seite. Fehler, Warnungen und strukturelle Elemente werden farblich markiert. Besonders hilfreich ist die Kontrastanalyse und die Darstellung der Dokumentstruktur.
Pa11y CLI
Pa11y eignet sich hervorragend für die Integration in CI/CD-Pipelines und automatisierte Workflows:
# Pa11y installieren
npm install -g pa11y
# Einzelne Seite testen (WCAG 2.1 AA)
pa11y https://ihre-website.de --standard WCAG2AA
# Mehrere Seiten mit Konfigurationsdatei testen
pa11y-ci --config .pa11yci.json
# HTML-Bericht erstellen
pa11y https://ihre-website.de --reporter html > report.html
Manuelle Tests
Manuelle Tests decken die Probleme auf, die automatisierte Tools nicht erkennen. Sie prüfen die tatsächliche Nutzererfahrung und den Kontext, in dem Inhalte stehen.
Tastaturnavigation testen
Navigieren Sie Ihre gesamte Website ausschließlich mit der Tastatur. Achten Sie dabei auf folgende Aspekte:
- Tab-Taste: Springt der Fokus logisch von Element zu Element?
- Shift + Tab: Funktioniert die Rückwärts-Navigation?
- Enter/Leertaste: Lassen sich alle interaktiven Elemente aktivieren?
- Escape: Schließen sich Modals und Dropdowns?
- Pfeiltasten: Funktionieren Menüs, Tabs und Slider?
- Fokus-Indikator: Ist immer erkennbar, welches Element gerade fokussiert ist?
- Tastaturfallen: Kann der Fokus irgendwo “steckenbleiben”?
Screenreader-Tests
Testen Sie Ihre Website mit mindestens einem Screenreader. Die drei wichtigsten sind:
- VoiceOver (macOS/iOS): Cmd + F5 zum Aktivieren, VO-Tasten (Ctrl + Option) plus Pfeiltasten zur Navigation
- NVDA (Windows): Kostenlos, weit verbreitet, mit Insert-Taste als Modifier
- JAWS (Windows): Professioneller Standard, kostenpflichtig, umfangreichste Funktionen
Prüfen Sie dabei: Werden Bilder korrekt beschrieben? Sind Formularfelder verständlich gelabelt? Wird der Seitenzustand bei dynamischen Änderungen kommuniziert? Sind ARIA-Live-Regions korrekt eingesetzt?
Zoom-Test (200 % und 400 %)
Vergrößern Sie Ihre Website auf 200 % und 400 % im Browser (Strg/Cmd + Plus). Laut WCAG 1.4.4 müssen Inhalte bei 200 % Zoom ohne Informationsverlust nutzbar bleiben. Bei 400 % (WCAG 1.4.10) darf kein horizontales Scrollen für einspaltigen Text erforderlich sein.
Farbkontrast prüfen
Überprüfen Sie die Kontrastverhältnisse aller Text-Hintergrund-Kombinationen:
- Normaler Text: Mindestens 4,5:1 (WCAG AA)
- Großer Text (ab 18px bold oder 24px): Mindestens 3:1
- Grafische Elemente und UI-Komponenten: Mindestens 3:1
Nutzen Sie dafür den Colour Contrast Analyser oder die in WAVE integrierte Kontrastprüfung.
Motion und Animation prüfen
Stellen Sie sicher, dass Animationen respektvoll eingesetzt werden:
- Lassen sich alle Animationen per
prefers-reduced-motiondeaktivieren? - Gibt es keine automatisch abspielenden Videos oder Karussells ohne Pause-Funktion?
- Blinken oder flackern Inhalte mit mehr als drei Wiederholungen pro Sekunde?
| Tool | Typ | Abdeckung | Kosten |
|---|---|---|---|
| Lighthouse | Automatisch | ~40 Regeln, Basis-Checks | Kostenlos |
| axe DevTools | Automatisch | ~80 Regeln, detaillierte Reports | Kostenlos / Pro |
| WAVE | Automatisch | Visuelle Analyse, Kontrastprüfung | Kostenlos |
| Pa11y CLI | Automatisch | CI/CD-Integration, WCAG-Standards | Kostenlos |
| Tastatur-Test | Manuell | Fokus, Navigation, Interaktion | Zeitaufwand |
| Screenreader | Manuell | Semantik, ARIA, Kontext | Zeitaufwand |
| Zoom-Test | Manuell | Responsive, Reflow, Lesbarkeit | Zeitaufwand |
| Kontrastprüfung | Manuell/Tool | Farbverhältnisse, Lesbarkeit | Kostenlos |
WCAG-Checkliste für den Audit
Die WCAG 2.1 organisiert Barrierefreiheitsanforderungen in vier Prinzipien. Nutzen Sie die folgende Checkliste als Grundlage für Ihren Audit.
Wahrnehmbar (Perceivable)
- Alle Bilder haben aussagekräftige Alt-Texte oder sind als dekorativ markiert (
alt="") - Videos haben Untertitel und Audiodeskription
- Inhalte sind in einer logischen Lesereihenfolge strukturiert
- Farbkontraste erfüllen die Mindestanforderungen (4,5:1 für Text)
- Farbe wird nicht als einziges Unterscheidungsmerkmal verwendet
- Text kann auf 200 % vergrößert werden, ohne dass Inhalte verloren gehen
- Bei 400 % Zoom ist kein horizontales Scrollen für Fließtext nötig
- Audio-Inhalte haben eine Texttranskription
Bedienbar (Operable)
- Alle Funktionen sind per Tastatur erreichbar
- Es gibt keine Tastaturfallen
- Skip-Links ermöglichen das Überspringen wiederholender Inhalte
- Seitentitel sind aussagekräftig und einzigartig
- Die Fokus-Reihenfolge ist logisch und vorhersehbar
- Der Fokus-Indikator ist deutlich sichtbar
- Zeitlimits können verlängert oder deaktiviert werden
- Bewegte Inhalte haben eine Pause-Funktion
- Keine Inhalte blinken mehr als dreimal pro Sekunde
Verständlich (Understandable)
- Die Seitensprache ist im HTML-Element definiert (
lang="de") - Fremdsprachige Passagen sind mit
lang-Attribut gekennzeichnet - Formulare haben verständliche Labels und Fehlermeldungen
- Fehlermeldungen beschreiben das Problem und bieten Lösungsvorschläge
- Die Navigation ist konsistent über alle Seiten hinweg
- Eingabefelder haben Autofill-Hinweise (
autocomplete)
Robust
- HTML ist valide und fehlerfrei
- ARIA-Attribute werden korrekt eingesetzt
- Benutzerdefinierte Komponenten haben korrekte Rollen, Zustände und Eigenschaften
- Die Website funktioniert mit verschiedenen Browsern und assistiven Technologien
Ergebnisse priorisieren
Nach dem Audit stehen Sie vor einer Liste von Problemen. Priorisieren Sie diese nach Schweregrad, um die wirkungsvollsten Maßnahmen zuerst umzusetzen.
Kritisch - Inhalte nicht erreichbar
Probleme, die den Zugang zu wesentlichen Inhalten oder Funktionen komplett verhindern:
- Formulare ohne Labels, die nicht ausgefüllt werden können
- Tastaturfallen, aus denen Nutzer nicht entkommen
- Fehlende Alternativtexte für inhaltlich relevante Bilder
- Videos ohne jegliche Untertitel
Maßnahme: Sofort beheben - diese Barrieren schließen Nutzer vollständig aus.
Hoch - Funktionalität eingeschränkt
Probleme, die die Nutzung erheblich erschweren:
- Unzureichende Farbkontraste bei wichtigen Texten
- Fehlende oder fehlerhafte ARIA-Attribute bei interaktiven Elementen
- Unlogische Fokus-Reihenfolge in Formularen
- Fehlende Seitensprache im HTML-Dokument
Maßnahme: Innerhalb von zwei Wochen beheben.
Mittel - Erschwerter Zugang
Probleme, die den Zugang erschweren, aber Workarounds ermöglichen:
- Fehlende Skip-Links
- Suboptimale Überschriftenhierarchie
- Dekorative Bilder mit unnötigen Alt-Texten
- Unzureichende Fehlermeldungen in Formularen
Maßnahme: Im nächsten Sprint oder Release einplanen.
Niedrig - Komfort-Verbesserung
Probleme, die die Nutzererfahrung verbessern, aber keine wesentliche Barriere darstellen:
- Fehlende
autocomplete-Attribute bei Formularfeldern - Optimierung der ARIA-Beschreibungen
- Verbesserung der Fokus-Indikatoren über das Mindestmaß hinaus
- Zusätzliche Orientierungshilfen wie Breadcrumbs
Maßnahme: In den fortlaufenden Verbesserungsprozess aufnehmen.
Audit-Bericht erstellen
Ein strukturierter Audit-Bericht dokumentiert die Ergebnisse und dient als Arbeitsgrundlage für die Umsetzung. Ein guter Bericht enthält folgende Elemente:
- Zusammenfassung: Gesamtbewertung, getestete Seiten, verwendete Tools und Methoden
- Methodik: Beschreibung der durchgeführten automatisierten und manuellen Tests
- Ergebnisübersicht: Anzahl der Probleme nach Schweregrad, aufgeteilt nach WCAG-Prinzip
- Detaillierte Befunde: Für jedes Problem die betroffene Seite, das WCAG-Kriterium, eine Beschreibung, einen Screenshot und eine konkrete Lösungsempfehlung
- Priorisierte Maßnahmenliste: Sortiert nach Schweregrad mit geschätztem Aufwand
- Empfehlungen: Vorschläge für Prozesse, Schulungen und regelmäßige Folge-Audits
Regelmäßiges Testing
Ein einmaliger Audit reicht nicht aus. Barrierefreiheit muss kontinuierlich sichergestellt werden, da jede Änderung an Ihrer Website neue Barrieren einführen kann.
Testing in den Entwicklungsprozess integrieren
- Pre-Commit: Linting-Tools wie eslint-plugin-jsx-a11y prüfen Accessibility-Regeln im Code
- CI/CD-Pipeline: Pa11y oder axe in Ihre Build-Pipeline integrieren
- Code Reviews: Accessibility als festen Prüfpunkt in Reviews aufnehmen
- Design-Phase: Barrierefreiheit bereits im Designprozess berücksichtigen
Audit-Rhythmus festlegen
- Vollständiger Audit: Mindestens einmal jährlich
- Automatisierte Scans: Wöchentlich oder bei jedem Deployment
- Manuelle Spot-Checks: Bei jeder größeren Änderung an Templates oder Komponenten
Vertiefen Sie Ihr Wissen über die korrekte Seitenstruktur mit unserem Leitfaden zu ARIA Landmarks für Screenreader.
Fazit
Ein Web Accessibility Audit ist der erste Schritt zu einer wirklich barrierefreien Website. Die Kombination aus automatisierten Tools und manuellen Tests liefert Ihnen ein vollständiges Bild der Barrierefreiheit. Priorisieren Sie die Ergebnisse nach Schweregrad, erstellen Sie einen strukturierten Maßnahmenplan und integrieren Sie Accessibility-Testing dauerhaft in Ihren Entwicklungsprozess.
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FAQ
Wie oft sollte ich einen Accessibility Audit machen?
Ein vollständiger Audit sollte mindestens einmal jährlich durchgeführt werden. Zusätzlich empfehlen sich automatisierte Scans bei jedem Deployment und manuelle Spot-Checks bei größeren Änderungen an Design oder Funktionalität. Bei Websites, die regelmäßig aktualisiert werden, ist ein quartalsweiser Audit-Zyklus sinnvoll.
Reicht ein automatisierter Test aus?
Nein. Automatisierte Tools erkennen nur etwa 30 % aller Barrierefreiheitsprobleme. Sie finden fehlende Alt-Texte, unzureichende Kontraste und invalides HTML, aber keine kontextbezogenen Fehler. Ob ein Alt-Text tatsächlich sinnvoll ist, die Tab-Reihenfolge logisch erscheint oder ein Screenreader den Seiteninhalt verständlich wiedergibt, lässt sich nur manuell prüfen.
Welches WCAG-Level sollte ich anstreben?
Für die meisten Websites ist WCAG 2.1 Level AA der richtige Standard. Er wird vom BFSG als Mindestanforderung referenziert und deckt die wesentlichen Barrierefreiheitsanforderungen ab. Level A ist das absolute Minimum, Level AAA ist in der Praxis oft nur für einzelne Kriterien umsetzbar und wird nicht als allgemeiner Standard empfohlen.
Was kostet ein professioneller Accessibility Audit?
Die Kosten hängen vom Umfang der Website und der Tiefe des Audits ab. Ein automatisierter Basis-Scan ist kostenlos durchführbar. Ein professioneller manueller Audit mit detailliertem Bericht liegt je nach Seitenanzahl und Komplexität zwischen 2.000 und 15.000 Euro. Für kleine bis mittelgroße Websites mit bis zu 50 Templates rechnen Sie mit einem Aufwand von drei bis fünf Arbeitstagen.
Kann ich den Audit selbst durchführen?
Einen grundlegenden Audit können Sie mit den in diesem Artikel beschriebenen Tools und Checklisten selbst durchführen. Für einen umfassenden Audit empfiehlt sich jedoch die Einbeziehung von Experten, insbesondere für Screenreader-Tests und die Bewertung komplexer interaktiver Komponenten. Auch die Einbindung von Nutzern mit Behinderungen als Tester liefert wertvolle Erkenntnisse, die kein Tool ersetzen kann.